Webdesign: Das Internet hat keine Balken

Oder: Warum wir für das Web kein Printdesign gebrauchen können

Grafikdesigner der alten Schule lieben Raster. Und sie kennen ihre Grenzen. Hinter der kunstvollen, kreativen Leistung steht eine akribische Ordnung, die alle Größen, Verhältnisse, Farben und Materialien exakt festlegt und einer gnadenlosen Qualitätskontrolle unterzieht.

Ein Faltblatt hat exakte Maße der Falz ist bei 99,8 mm und nicht bei 99,7. Das Rot ist Pantone 2035 und die Headline immer 22 Punkt, wobei die Bilder im goldenen Schnitt des gesamten Inhalts angeordnet sind.

Weichen Farben, Falze und Schnittränder von (natürlich auch streng definierten) Toleranzen ab, drohen Preisminderung. Oder die Druckerei bleibt auch schon mal auf ein paar Paletten Kataloge sitzen.

Deshalb wirken professionelle Drucksachen aber eben meist auch besserals unsere selbst erstellten Präsentationen oder der vom Design-Unkundigen erstellte Handzettel für die Theateraufführung.

Doch seit einigen Jahren sind diese Sicherheiten verschwunden. Es bedurfte vieler Auseinandersetzungen zwischen einerseits oft sehr jungen, schon im Erscheinungsbild eher unklar wirkenden Programmieren und andererseits detailversessenen stilbewussten Designern, um hier eine neue Grundlage der Zusammenarbeit zu schaffen.

Grafikdesigner und Internetseiten

Es war nicht leicht, den strengen Gestaltern einer kleinen Welt klar zu machen, dass sie keinerlei Kontrolle darüber haben werden, was aus ihrer Schöpfung wird.

Denn im Gegensatz zu einem Prospekt, der schlimmstenfalls von der Post verknickt wird, wandelt sich das Erscheinungsbild einer Website gravierend. Und bei jedem Empfänger womöglich anders.

Farben wirken auf unterschiedlichen Monitoren sehr verschieden. Ein Inhalt, der den Bildschirm eines iPads gut ausfüllt, kann sich auf dem 5K-Monitor hoffnungslos verlieren (und auf dem Smartphone endlos lang werden).

Die Menüleiste passt jetzt genau über den Text? Dann schauen Sie sich das Ergebnis mal an, wenn Sie die Lesezeichenleiste im Browser öffnen.

Wunderschöne detailreiche Fotos Ihrer Produktion waren ein echter Blickfang auf Ihrem Büro-Mac (auf dem Sie damals die Seite abgenommen haben). Nur erkennt man heute auf Ihrem Smartphone bei der briefmarkengroßen Darstellung gar nichts mehr (obwohl auch dort Bild und Text schön im Verhältnis stehen).

Wenn Sie bei der Planung Ihres Relaunch von irgendjemanden Ausdrucke oder PDF-Dateien erhalten, die nicht wenigstens drei typische Ausgabeformate (Bildschirm, Tablet, Smartphone) enthalten, sollten Sie die Zusammenarbeit ernsthaft überdenken.

Natürlich kann es erste Gestaltungsmuster geben – behauptet aber irgendjemand, die Schriftgrößen und Abstände ließen sich doch diesem Dokument entnehmen, hat er sich für diese Aufgabe disqualifiziert.

Mediengestalter, die für den Webbereich gelernt haben, kennen diese Variablen und wissen sie zu nutzen. Sie werden Farben wählen, die auch in unterschiedlichen Farbtemperaturen nicht völlig abweichen und die Textrahmen so festlegen, dass sie bei aller Flexibilität nicht völlig verloren gehen.

Wenn diese Gestalter nicht sogar selbst Teile der aktiven Ausgabe programmieren können, kennen Sie aber zumindest die aktuellen Möglichkeiten, Ihren Inhalten Leben einzuhauchen und Interaktionen für den Benutzer angenehm zu machen.

Formulargestaltung erfordert auch klare Fehlermeldungen

Zur Gestaltung gehört eben nicht mehr allein das Formular, sondern auch die visuelle Rückmeldung von Fehleingaben.

Menüs werden nicht mehr vorrangig auf maximal verspielte Effekte hin entwickelt, sondern so, dass sie auch noch mit dem zittrigen Daumen in der U-Bahn getippt werden können.

Keine Sorge: Sie sollen Ihre Ansprüche an eine klare, zu Ihrer CI passende Gestaltung überhaupt nicht aufgeben!

Nur gibt es heute nicht mehr die eine Gestaltung, sondern ein flexibles Design mit Elementen, die immer wieder neu zusammenfinden müssen.

Wir können also von Webentwicklern erwarten, dass sie diese Aufgabe beherrschen und die Folgen der variablen Ausgabe nicht nur kennen, sondern auch zu nutzen wissen.

Wichtig ist, dass Sie als Auftraggeber hier auch entsprechende Anforderungen stellen und sich selbst von einem statischen Layout verabschieden.

Ob sie dabei vom heute üblichen Mobile-First-Ansatz ausgehen oder den Hauptnutzen in der Desktopanwendung sehen, ist zunächst nicht so wichtig. Die wirklichen Nutzungsschwerpunkte hängen von Ihrer Zielgruppe ab.

Consumer-Angebote werden inzwischen überwiegend auf Mobilgeräten betrachtet, während klassische B2B-Anbieter ihre Klienten immer noch eher im Büro vor dem Bildschirm antreffen (aber auch hier werden häufig Informationen in der Freizeit oder während der Reise gesucht).

Ein Wort sagt mehr als tausend Bilder

Beziehen Sie bereits in der Planungsphase die unterschiedlichen Kundenerwartungen ein, die an die verschiedenen Formate gekoppelt sind: Kunden, die Ihre Seite auf dem Smartphone aufrufen könnten z. B. eher nach Ihren Kontaktnummern (möglichst mit direkt wählbarer Telefonnummer), Ihren Öffnungszeiten oder dem Link zur Google-Navigation suchen. Genau dann nervt der ganzseitige Imagefilm, der auf den meisten mobilen Browsern sowieso nicht selbsttätig startet, extrem.

Zum Glück bieten die meisten zeitgemäßen Content-Management-Systeme heute alle Voraussetzungen, um solche geräteabhängigen Ausgaben zu entwickeln.