Webdesign I: Umsetzung planen

Schauen Sie sich die Webseiten Ihrer Wettbewerber an. Wenn Sie in der glücklichen Lage sind, auf Ihrem Gebiet kaum Mitstreiter zu haben, suchen Sie sich Branchen mit ähnlichen Zielgruppen.

Versuchen Sie nun, sich wenigstens ein paar Minuten mit einer einzelnen Seite zu beschäftigen. Fällt es Ihnen leicht, weil kurze, abwechslungsreiche Inhalte Ihre Aufmerksamkeit wach halten? Oder fordern endlose Texte Ihre Konzentration über Gebühr heraus? Die Bereitschaft, auch nur wenige zusammenhängende Sätze zu lesen, ist im Netz extrem gering ausgeprägt.

Wie ein Durchschnittsbesucher auf die eigene Website schauen

Nehmen Sie die Haltung eines “normalen” Seitenbesuchers ein, nicht die des detailinteressierten Mitarbeiters. Wenn Sie, bei aller Marktkenntnis, nicht selbst zur Zielgruppe zählen, machen Sie diesen Test auf jeden Fall gemeinsam mit jemandem, der oder die diesen Kundenkreis besser repräsentiert. Beobachten Sie dessen Nutzungsverhalten am besten, ohne zu helfen oder ihn zu beeinflussen.

Seltsamerweise bleiben wir, bis auf wenige Ausnahmen, bei der Nutzung des Netzes meist auf unsere Landesgrenzen beschränkt. Dabei kann auch eine Begutachtung von Seiten ähnlicher Leistungen aus den USA, den Niederlanden oder Skandinavien hilfreich sein, weil hier der Markt komplexer ist oder die gestalterischen Ansprüche höher sind.

Mit Hilfe von Google-Translate, mit dem Sie die Seite komplett ins Deutsche übersetzen können, gibt es auch keine Sprachbarrieren mehr.

Auch wenn Sie sich für Ihre Leistungen deutlich stärker begeistern können und die Lobpreisungen Ihres wirklich guten Texters Ihnen lesenswerter erscheinen als zeitgenössische Literatur: Wenn die ersten Konzepte Ihrer zukünftigen Online-Darstellung eintreffen, denken Sie daran, wie Ihr eigener Blick auf fremde Inhalte war.

Während die meisten Texte zu lang sind, ist deren Qualität oft erbärmlich. Niemand wird sich durch nichtssagende Absätze arbeiten, erst recht nicht, wenn schon die Headline unattraktiv ist.

Und was der Marketingleiter witzig oder tiefschürfend findet, kann beim Empfänger womöglich nicht mal einen Funken Begeisterung wecken.

Dumme Idee: Am Text sparen

Leider ist es auch inzwischen bei großen Werbebudgets üblich geworden, dass der Artdirektor selbst ein paar Zeilen verfasst. Er ist zwar meistens origineller als der Kunde, aber das reicht selten, aus um im wuchernden Informationsgestrüpp wahrgenommen zu werden – geschweige denn, in Erinnerung zu bleiben.

Gute Texter sind, zumal bedauerlicherweise meist schlecht bezahlt, immer ihr Geld wert. Gerade weil es viel schwerer ist, die Aufmerksamkeit des Kunden am Bildschirm zu gewinnen (und zu halten), spielen treffsichere, aus dem nichtssagenden Marketingbrei herausragende Texte eine nach wie vor unterschätze Rolle. Dabei können Sie mit einem einprägsamen Slogan in nüchternem Design deutlich mehr Aufmerksamkeit gewinnen als mit Phrasen in einem perfekten Outfit.

Mit einer groben Vorstellung des Layout und dem Bewusstsein für kurze, gute Texte kann ihr Planungsstab jetzt endlich mit dem strukturellen Konzept beginnen.

Stehen die grobe Struktur, erste Inhalte (Headlines und zentrale Werbeaussagen sollten klar, die Texte selbst nur in ihrem Umfang definiert sein), kann endlich die Gestaltung geplant werden.

Farben, Schriften und Gestaltungsraster wird das Grafikdesign vorschlagen bzw. ihrem bisherigen Auftritt in der Öffentlichkeit angleichen.

Wenn auch dieser Aspekt bei verschiedenen Dienstleistern angefragt werden soll, definieren Sie hier nur das, was unbedingt gegeben sein soll (Hausschrift, festgelegte Farbe, Schreibweise Ihres Unternehmens etc.).

In der Regel wird das nur bei jungen oder kleineren Unternehmen zutreffen, da es sonst wenigstens einen betreuenden festen Grafiker geben wird. Dabei ist dann aber das bereits oben angesprochene Problem zu lösen: Das Zusammenspiel von Grafik und Webentwicklung kann schwierig werden, wenn die jeweiligen Grenzen (und Begrenztheiten) übertreten werden.

Widerstand beim Relaunch

Hier ist unbedingt eine klare Zuteilung erforderlich, wenn dem Grafikdesign die nötige Webkompetenz fehlt oder die Webentwicklung bei der Umsetzung zu eigenständig agiert.

Werden beide Leistungsanbieter neu ausgewählt, kann hier noch steuernd eingegriffen werden (auch wenn sich in diesem Fall eher eine Agentur empfehlen würde, die das ganze Spektrum anbietet).

Im Regelfall, also bei einem bestehenden Grafikpartner (oder entsprechenden Mitarbeitern im Unternehmen), werden diese von Beginn an im Boot sitzen und ihre Domäne verteidigen.

Unter Umständen ist dies ein entscheidender und psychologisch schwieriger Punkt im Relaunchprozess.

Fall 1: Die Designer haben hohe Ansprüche an eine gestalterische Umsetzung der Seite. Die künstlerische Verwirklichung, falsche Referenzen (berufsbedingt halten sich Grafiker eher auf anspruchsvoll gestalteten und aufwändig animierten Seiten auf) und ein leider immer noch falsches Bild davon, wie die Inhalte einer Seite erzeugt werden, führen zu kostspieligen Entwürfen. Die lassen sich danb nur unter Verzicht auf redaktionelle Möglichkeiten erstellen.

Fall 2: Die Mitarbeiter haben eigentlich schon genug mit der Erstellung des Katalogs, der Anzeigenvorlagen etc. zu tun und nutzen die Möglichkeit, die neue Aufgabe komplett an den externen Dienstleister (oder die neuen Kollegen aus dem Webteam) zu übertragen.

In jedem Fall muss verhindert werden, dass das Layout den Inhalt bestimmt. Der alte Slogan “Design follows function” muss auch hier maßgebend sein!

Vor allem kleine Unternehmen, die von einem Allround-Grafiker betreut werden, lassen sich gerne von eindrucksvollen Fertiglayouts begeistern. Vor allem die Blogsoftware WordPress (an sich ein ernstzunehmendes System) bietet hier als Marktführer schnelle schlüsselfertige Lösungen. Noch bequemer scheinen die Onlinebaukästen zu sein (bekannt aus der einschlägigen Fernsehwerbung) : Hier kann der Unternehmer gleich selbst zwischen verschiedenen Gestaltungen wählen und seine Inhalte hineinkopieren.

Diese Angebote mögen Ihre Berechtigung für Einzelunternehmer und Einsteiger haben, die irgendeine Webadresse für ihre Visitenkarten benötigen. Sie sind besser als nichts und besser als ein dysfunktionaler Auftritt allemal.

Für die aussagekräftige und leistungsfähige Darstellung eines mittelständischen Unternehmens ist das jedoch zu unflexibel. Die Nachteile bei wachsenden Seiten und professionellerem Einsatz überwiegen.

Bevor also der grafischen Umsetzung ein Gedanke gewidmet wird, muss erst der Inhalt stehen. Nicht im Wortlaut, aber in der Struktur.

Im nächsten Teil geht es um den Seitenbaum und das Mockup.

Relaunch! Buch mit Astronaut Cartoon

Leseprobe aus meinem im September 2020 erschienen Buch

Relaunch!

Mit neuen Webseiten in die Zukunft

Stefan Schmidt, Simone Sarodnick, Christian Behrends

Das Handbuch, ca. 192 Seiten
September 2020

ISBN 9783751954310